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Anne von Canal - Whiteout

Der Duden beschreibt den Begriff whiteout als "zeitweilige[n] Verlust des Sehvermögens wegen starker Blendung durch Schnee und Wolken". Anne von Canal beschreibt das Phänomen in ihrem danach benannten Roman mit eigenen Worten und lässt es ihre Hauptfigur Hanna selbst erfahren:
Die Grenze zwischen Himmel und Erde ist ausradiert, oben und unten sind nicht mehr da, Linien und Farben ausgelöscht. Die Geschichte von "Whiteout" handelt, kurzgesagt, von Freundschaft. Allerdings geht es um eine Art Freundschaft, die so stark ist, dass sie an Liebe, ja sogar an Sucht erinnert und eben auch manchmal orientierungslos macht. Hanna und ihr Bruder Jan freunden sich schon als Kinder mit der Pastorentochter Frederike an, die nur Fido genannt wird. Die drei sind sich nah, teilen prägende Erlebnisse und schmieden gemeinsame Zukunftspläne. Die Erzählerin Hanna ist erwachsen geworden und arbeitet als Glaziologin an einem Forschungsprojekt, das sie in die eisigen Weiten der Antarktis f…
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Brit Bennett - The Mothers

Becoming a mother changes you. It may sound hackneyed, it may be hard to imagine if not completely elusive for some people - but it is true. The moment in which even the first idea of your own child enters your life feels indescribably light and heavy at the same time. You can feel the purest form of love and life-altering bliss but then there also is something extremely challenging and nerve-wracking about it.
In her debut novel The Mothers Brit Bennett, an African American writer in her mid-twenties, has found a beautiful way of making this ambiguity perfectly clear. 
The story is set in California, revolves around three teenagers - Nadia, Luke and Aubrey - and tells an interconnected coming-of-age story. A romance between Nadia, who has recently lost her own mother, and Luke, who is the local pastor's son, leads to an unwanted pregnancy and its termination. Aubrey becomes Nadia's best friend soon after but doesn't know about her greatest secret; a secret the reader lea…

Arne Jysch - Der nasse Fisch

Ich bin keine Krimileserin, doch wenn die Geschichte in Berlin der 1920er Jahre spielt und noch dazu in Zeichnungen erzählt wird, macht mich das doch neugierig. 
Volker Kutscher gehört zu den erfolgreichsten deutschen Krimiautoren und seine Reihe um den Berliner Kommissar Gereon Rath besteht bereits aus sechs Bänden. Der Comiczeichner Arne Jysch hat nun den Bestseller "Der nasse Fisch" adaptiert und damit ein ganz eigenes Werk geschaffen. 
Graphic Novels werden wohl noch immer von vielen Literaturliebhabern unterschätzt. Dabei bereiten sie dem Leser ein ganz besonderes Leseerlebnis durch die spannende Verbindung aus Wort und Bild, die individuelle Ästhetik der Zeichnungen, das einzigartige Lesetempo. Der Blick wird ganz geschmeidig über die Panels gelenkt und so formen sich Text und Bilder im Kopf zu einer opulenten Geschichte.

Es geht in dem Buch um die Berliner Kriminalpolizei, Mordfälle und Ermittlungsmethoden, aber eben auch um eine im Wachstum begriffene Großstadt in de…

Paolo Rumiz - Der Leuchtturm

Paolo Rumiz, ein italienischer Journalist und Autor, ist verliebt. Verliebt in Europa, verliebt in alte Sprachen, in Griechenland, in Italien, verliebt in den Wind, in sein Mittelmeer und die kleine Insel mit dem Leuchtturm mittendrin, auf die ihn ein Freund ihn aufmerksam macht. Er entzieht sich "dem Lärm des Festlandes, dem Sturm der SMS, der Überdosis an Informationen, der doofen Musikberieselung im Supermarkt. der gefakten Welt der Drohnen und Selfies" und verbringt drei Monate auf der Insel, dessen Namen er nicht verrät.  Offenbar gibt es in der Welt der Leuchttürme drei Typen: Das 'Paradies', das bequem auf dem Festland liegt; das 'Fegefeuer', das sich an die äußersten Felsklippen klammert, und die 'Hölle', die sich auf einer unbewohnten Insel auf hoher See befindet. Es heißt derjenige, der die extreme Erfahrung der 'Hölle' gemacht hat, wird zu einer Art Magier. Für Rumiz scheint es funktioniert zu haben, denn obwohl er sich nicht vom Fl…

Karan Mahajan - The Association of Small Bombs

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In a time when disaster is spectacle and terrorist attacks are globally mediated events, small bombs become insignificant, sometimes even invisible. This, of course, is not true for those who happen to be in the wrong place at the wrong time - like Tushar, his brother Nakul and their friend Mansoor in Delhi in the year 1996. Mahajan's novel opens with a literal bang: The bombing, for which Mr. and Mrs. Khurana were not present, was a flat, percussive event that began under the bonnet of a parked white Maruti 800, though of course that detail, that detail about the car, could only be confirmed later. A good bombing begins everywhere at once.  The author takes us to the detonation of a small bomb (killing 'only' 13, injuring 30), into a torn city, and straight into a riveting story. The two sons of Mr. and Mrs. Khurana are killed in the blast, but Mansoor, their friend, survives. Traumatized, he stumbles home to his parents. From here on out, th…

Maja Lunde - Die Geschichte der Bienen

Die Deutschen essen in Durchschnitt genauso viel Honig wie Nutella. Und während es Nutella erst seit knapp 50 Jahren gibt, sind die Bienen schon seit tausenden von Jahren im Einsatz um flüssiges Gold zu produzieren und eine noch weitaus wichtigere Aufgabe zu erledigen: Das Bestäuben sämtlicher Nutzpflanzen. Die kleinen summenden Tiere sind von großer Bedeutung und die Norwegerin Maja Lunde widmet ihnen einen ganzen Roman.


Die Autorin reiht sich mit ihrem ersten Buch für erwachsene Leser ein in die relativ neue und enorm erfolgreiche (da erschreckend aktuelle) Form der "climate-fiction". Entstanden als eine Unterkategorie von science fiction, entwickelt sich "climate fiction" immer mehr zu einem eigenen Genre. Und im Gegensatz zu Sci-Fi, macht "Cli-Fi" die Erde zum Spielort seiner Szenarien: Mal geht es um steigende Meeresspiegel, mal um Sauerstoffknappheit. Bei Lunde geht es eben um Bienen bzw. um das beängstigende Sterben der Bienen.
Die Geschichte ist …

Claire Fuller - Swimming Lessons

Ein Briefroman ist nicht irgendein Roman. Er versucht den Leser an die Hand zu nehmen und erlaubt die unmittelbare Teilhabe an allem, was gedacht, gefühlt und niedergeschrieben wird. In Briefromanen verlagert sich die Handlung nach innen und schon im 18. Jahrhundert wurden sie gern gelesen. Wo "echte" Briefe doch heute selten sind, geben Briefromane ein Stück von dem Gefühl zurück, das jeder kennt, der sich über die Rarität im Briefkasten freut. 
Claire Fullers Roman Swimming Lessons ist zwar kein ganzer Briefroman, sondern genau genommen nur ein halber, doch genau das macht ihn unterhaltsam.  In der Geschichte geht es um Ingrid, die als junge Frau ihren Literaturprofessor Gil heiratet, mit ihm Kinder bekommt und so viele ihrer Träume aufgibt. Sie wird im Laufe der Jahre immer unglücklicher und beginnt, ihrem unsteten Mann Briefe zu schreiben, die sie in seinen umfangreichen Büchersammlungen versteckt. Eines Tages verschwindet Ingrid (es wird angenommen, die passionierte Sc…

Heinrich Böll - Irisches Tagebuch

1954 reiste Heinrich Böll zum ersten Mal nach Irland. Das Land schien ihn zu packen und nicht mehr loslassen zu wollen. Böll schrieb seinen Erfahrungsbericht, der 1957 erschien und der SPIEGEL schrieb kurz darauf: "Die Form ist journalistisch, die Sprache oft dichterisch, das Ergebnis ist Literatur". 



Vor einigen Wochen durfte auch ich auf die grüne Insel reisen und nichts hätte mich wohl feinsinniger auf die Reise vorbereiten können, als Bölls Zeilen. Er schreibt persönlich, aber verschleiert nicht; er erzählt episodisch, aber trotzdem fügt sich alles zusammen. Das Buch nimmt Leser von heute mit ins Gestern und bleibt dabei doch so aktuell: "Wer ins Ausland geht, möchte die Nachteile des eigenen Landes [...] zwar gern missen, dessen Karbonaden aber mitnehmen." 
Ob Landschaft, Leute, Kirche, Pub oder Soziales - Böll schafft es, mich für alles Irische zu begeistern. Als ein Nordlicht, das meteorologische Kapriolen gewohnt ist, gefällt mir aber auch diese Stelle bes…

J.D. Vance - Hillbilly Elegy

Poverty.

Not the stuff bestsellers are made of. 
That is, if you are not J.D. Vance, who grew up in a poor Appalachian town, the youngest member of a hillbilly family, who ended up graduating from Yale Law School and who put pen to paper. The author himself starts off with a confession: "I find the existence of the book you hold in hands somewhat absurd".
To some extent, it actually is a little absurd, because what makes his book so successful is not superb writing (I find Vance's writing to be solid but far from brilliant).
Instead, what makes this book successful is its perfect timing. We find ourselves in tough times marked by a deep sense of insecurity: economic insecurity (when might the next financial crisis hit?) and political insecurity (when will the idiot in the White House finally be kicked to the curb?).  Hillbilly Elegy seems to hit a sweet spot. It might not explain why many Americans voted for Trump but it offers us valuable insight into the minds of those…